Nachdenkliches
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Eine kleine Geschichte zum Jahresausklang

Liebe Leser und Leserinnen,

ich möchte das Jahr 2011 hier mit einer kleinen Geschichte beenden, die ich selbst als Weihnachtsgruß erhalten habe.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ein freudvolles Weihnachtsfest und ein glückliches Neues Jahr!

Peter Hieber

 

 

 

 

 

 

Die Kupfermünze

Es ist eine der schönsten Weihnachtsgeschichten, die ich kenne. Sie ist von der österreichischen Autorin Joe Lederer. Eine Zeitlang hatte sie in China gelebt, in Shanghai und hatte sich dort total fremd und einsam gefühlt. An einem Weihnachtsabend saß sie verheult in ihrem Zimmer und der Koch des Hauses, in dem sie wohnte kam zu ihr und überreichte ihr ein Geschenk: es war eine chinesische Kupfermünze, mit einem Loch in der Mitte. Durch das Loch waren viele bunte Wollfäden gezogen und zu einem dicken Zopf zusammen geflochten. „Ein sehr altes Münze“ sagte der Koch feierlich und „die Wollfäden gehören dir. Wollfäden sind von mir, von meine Frau, von Zimmermädchen, und von ihre Schwester und von Eltern und Brüder, von uns allen sind die Wollfäden.“ Ich bedankte mich sehr. Es war ein sehr merkwürdiges Geschenk und noch viel merkwürdiger als ich zuerst dachte. Denn als ich die Münze mit ihrem dicken Wollzopf einem Bekannten zeigte der seit Jahrzehnten in China lebte, erklärte er mir was es damit für eine Bewandtnis hatte: Jeder Wollfaden war eine Stunde des Glücks. Der Koch war zu seiner Frau, dem Zimmermädchen, zu deren Schwestern, Eltern und Brüdern gegangen und hatte sie gefragt: „Willst du von dem Glück, das dir für dein Leben vorausbestimmt ist, eine Stunde abtreten?“ Und sie alle hatten für mich, die fremde Europäerin einen Wollfaden gegeben als Zeichen, dass sie mir von ihrem eigenen Glück eine Stunde schenkten. Es war ein großes Opfer, das sie brachten, denn wenn sie auch bereit waren auf eine Stunde ihres Glücks zu meinen Gunsten zu verzichten, es lag nicht in ihrer Macht, welche Stunde aus ihrem Leben es sein würde. Das Schicksal würde entscheiden ob sie die Glücksstunde abtraten, in der ihnen ein reicher Verwandter sein Hab‘ und Gut verschrieben hätte. Oder ob es nur eine der vielen Stunden sein würde, in der sie glücklich bei Reiswein zusammen säßen. Ob sie die Glückstunde wegschenken, in der das Auto, das sie sonst überfahren hätte, noch rechtzeitig bremste. Oder die Stunde, in der das junge Mädchen vermählt worden wäre. Blindlings, aber doch mit weit offenen Augen machten sie mir der Fremden, einen Teil ihres Lebens zum Geschenk. Nun ja, die Chinesen sind abergläubisch, aber ich habe nie wieder ein Weihnachtsgeschenk bekommen, das sich mit diesem vergleichen lässt. Von diesem Tag an habe ich mich in China zu Hause gefühlt und die Münze mit dem Wollzopf hat mich jahrelang begleitet. Und eines Tages lernte ich jemanden kennen, der war noch übler dran als ich damals in Schanghai. Und da habe ich einen Wollfaden genommen, ihn zu den anderen Fäden dazugeknüpft und habe die Münze weitergegeben. Dr. Peter Kottlorz

 

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